Vorgehört – Francks d-moll-Sinfonie

Die Sinfonie von César Franck (man muss den Artikel betonen, denn er schrieb nur eine) war durchs ganze 20. Jahrhundert hindurch Kernrepertoire aller Orchester und aller Dirigenten. Somit herrscht auch kein Mangel an Aufnahmen. Drei davon seien hier besonders empfohlen.

Pierre Monteux war ein Dirigent der Sonderklasse: Er leitete die Uraufführungen von Werken von Debussy, Ravel und Stravinsky, einschließlich der Ballette  Le sacre du printemps und Petruschka. 1888 saß er als 13-jähriger Bub im Saal, als Francks Meisterwerk zum ersten Mal gespielt wurde. Man darf also davon ausgehen, dass er aus erster Hand wusste, wie diese Musik „geht“.  73 Jahre später, 1961, machte er diese Einspielung mit dem Chicago Symphony Orchestra, die seither als Referenz-Aufnahme gilt. Neben der Autorität, Souveränität und Erfahrung, die er bei diesem Stück ins Feld führen konnte, zeigt er eine seltene dirigentische Tugend, die er auch an seine Schüler weitergab (darunter Größen wie André Previn, Neville Marriner, David Zinman und Erich Kunzel): Er lässt spielen! So fließt die Musik natürlich und unforciert, mit einer angesichts des hohen Alters Monteuxs ganz erstaunlichen, geradezu jugendlichen Frische.

Einen anderen, romantischen, und sehr typischen Interpretationsansatz verfolgt Leonard Bernstein mit dem Orchestre National de France: Leidenschaftlich und frei, mit bemerkenswerten Temposchwankungen. Französische Orchester sind ebensowenig prädestiniert dazu, die besten Aufnahmen französischer Musik zu machen, wie tschechische Orchester von tschechischer oder italienische Orchester von italienischer oder russische Orchester von russischer Musik. Aber Lenny holt hier wirklich alles heraus, was herauszuholen ist an Virtuosität, Überschwang und Gefühlstiefe. Seine große Stärke (und diese famose Live-Einspielung ist hierfür bestes Beispiel), ist es, in jedem Takt Sinn zu finden, und dafür zu sorgen, dass jeder und jede diesen Sinn auch garantiert mitbekommt.

Und schließlich unser fabelhaftes hr-Sinfonieorchester, das sich entgegen dem Trend auch in jüngster Vergangenheit der d-moll-Sinfonie zugewandt hat. Hier unter Marc Minkoswki: Der Franzose gilt zwar als Spezialist für Barockmusik, aber in einem Konzertmitschnitt von 2015 realisiert er eine transparente, idiomatische, wunderschön musizierte Interpretation in der Tradition Monteuxs. Und ein Blick in Minkowskis Biografie erklärt auch, warum: Er studierte nämlich Dirigieren an der von Monteux 1934 gegründeten und heute noch bestehenden École Monteux. Chapeaux!